Missverständnis

Das Missverständnis beruht auf dem Glauben, dass nach der sogenannten Erfahrung der „Erleuchtung“ sich irgendwie ein qualitativ grundsätzlich anderes Verhältnis zu sich selbst und der Wirklichkeit offenbart. Vor allem in der Weise, dass alles möglich ist oder eben nichts, weil ich letztlich alles bin oder nichts. 
Alles ist dann richtig und Falsches kann es nicht mehr geben. Wenn einer also identisch wird mit Buddha und den Patriarchen, kann der also keine Fehler mehr machen und ist befreit von allen Normen? Eine solche Vorstellung befriedigt unser Bedürfnis, unsere Ideale auf jemand anderen zu projizieren, den ich dann zu einer Lichtgestalt der Verehrung und Nachfolge mache. Davon gibt es viele Beispiele. 

In der Erfahrung der Erleuchtung geht es aber darum zu erfahren, dass ich bereits Buddha bin von Anbeginn an. Da geht es nicht um werden, vor allen Dingen geht es nicht um irgend eine Art von Vervollkommnung, weil ich war und bin schon immer vollkommen. 

Wenn ich das also erfahre, dass ich schon immer vollkommen bin, dann bezieht sich diese Erfahrung eben nicht auf die Vorstellung von mir selbst sondern diese Erfahrung geht über jede Vorstellung hinaus und bezieht alles Denkbare und Undenkbare mit ein, das ganze Universum und mit ihm die gesamte Vielfalt unserer phänomenalen Welt. 

Und gerade aus dieser Erfahrung entsteht dann eine kraftvolle Ethik des Handelns, die versucht, Leiden egal in welcher Form zu vermindern und kein weiteres zu schaffen, allerdings im Bewusstsein dessen, das eine absolute Freiheit vom Leiden erst dann möglich ist, wenn alle Menschen erkannt haben, warum es in ihrem Leben eigentlich geht. Mit Leiden ist hier nicht der Schmerz und die Trauer gemeint sondern ein Leiden an meinem Leben, weil es nicht meinen Vorstellungen entspricht. 

In dem Moment, wo ich an der Illusion meines Ich hafte, geschieht Leiden. Wenn ich diese Illusion überwinde, überwinde ich auch Leben und Tod und dann bin ich einfach hier in diesem zeitlosen Augenblick. Das hindert mich dann nicht, in meinem Alltag Fehler zu machen, also in einer Weise zu handeln, die nicht allen möglichen Interessen anderer entspricht. Das ist schlicht und einfach unmöglich. 

Aber ich kann das tun, was mir jetzt möglich ist im Bewusstsein dessen, wer ich bin und innerhalb eines Prozesses, in dem alle Formen des Lebens sich immer wieder zu immer weiterer Komplexität entfalten und wieder vergehen. Innerhalb dieses Prozesses gibt es auch ethische Normen, die wie alles andere einer kontinuierlichen Entwicklung und Veränderung unterworfen sind aber an die zu halten, sinnvoll und richtig ist. 

Konkreter, man könnte auch sagen, dass Erleuchtung und Erwachen nichts anderes ist als die absolute Erfahrung der Liebe als Ursprung und Augenblick unseres Daseins. Der Liebe, die uns kreiert und jede andere Form auch, geht es um einen respektvollen, fürsorglichen und verantwortungsvollen Umgang miteinander. 

Da es keine Trennung gibt zwischen mir und dem anderen, fallen die Auswirkungen jede meiner Handlungen auf mich selbst zurück und auf den Ursprung. Wie könnte ich jemals im Bewusstsein dessen gegen die Liebe handeln? Wir haben als menschliche Spezies, als diese sich relativ neu entwickelte Lebensform eines zeitlosen Universums, die Freiheit, gegen dieses Prinzip der Liebe zu handeln mit Hass, Gewalt und Mord. Unser Handeln ist unser Karma. 

Wir bleiben sogar, auch wenn wir gegen sie handeln, eingebunden in diese universale Liebe und fallen nicht aus ihr heraus in eine wie auch immer geartete Hölle. Aber dort leben wir bereits in einer besonders extremen Form des Leidens, solange wir die uns gegebene Freiheit nutzen, nicht sehen zu wollen, was ist. Auch das Anhaften an unserem Ich, die Identifikation mit bestimmten Vorstellungen ist letztendlich nichts anderes als eine Manifestation der Liebe, als ein Ausdruck Buddhas. Diese paradoxe Tatsache zu durchschauen und sich in diesem Augenblick davon zu lösen, ist Erleuchtung. 

Ich selbst muss immer wieder achtsam schauen, was mir zu tun möglich ist. Achtsam mit mir selber umgehen, so wie ich es verstehe, ist kein mit mir selber umgehen im Sinne eines eingeschränkten Verständnisses von mir selbst als isoliertes Wesen. Wenn ich achtsam bin und das ist eine Haltung, die ich üben muss, dann weiß ich zumindest etwas mehr davon, was ich zu tun habe. Und das, was ich zu tun habe, versucht immer eine Vielzahl von Lebensinteressen einzubeziehen. Es kann aber niemals ideal sein und frei von Widersprüchen, es bleibt immer auch begrenzt und fällt in seiner Wirkung früher oder später auf mich zurück. Manchmal sag ich ja, manchmal nein, manchmal bin ich gerecht, dann wieder ungerecht, manchmal bewege ich mich, manchmal bleibe ich sitzen. Vieles passt und doch gibt es auch Fehler. Ich muss für mich, so wie ich als Mensch bin, als dieser individuelle und einmalige Ausdruck des unendlichen Lebens, meine Möglichkeiten und Grenzen, körperlich, geistig und seelisch immer wieder neu kennenlernen und ausloten. Ich brauche einen Rhythmus, Zeiten der Ruhe und Zeiten der Bewegung, Zeiten der Stille und Zeiten der Trommeln, Zeiten des Singens und Tanzens, des Kämpfen und der Ruhe, aber dabei muss ich bei mir bleiben, im Fluss bleiben, achtsam sein. Das ganze ist doch ein Spiel, das Spiel des Lebens und dazu gehört auch der Schmerz und der Tod. Das ist nicht zynisch gemeint. Ich habe zu tun, was mir möglich ist, aber ich kann, so schwer das fallen mag, nicht alle Lebewesen retten und muss immer wieder ohnmächtig zuschauen, wie sie bereits lange vor ihrer Vollendung sterben. Ich gelobe, sie vom Leid zu befreien. Darum geht es.