Leben, wenn der Plan nicht aufgeht

So heißt ein Kurs, den ich seit einigen Jahren auf dem Benediktushof anbiete. Wir kennen das alle, die Wirklichkeit richtet sich nicht immer nach meinen Wünschen und Vorstellungen. Vieles gelingt , manches nicht. Manchmal fühlen wir uns regelrecht gescheitert, wenn ein großer Plan, vielleicht ein Lebensplan nicht aufgegangen ist, eine Trennung, der Verlust eines Arbeitsplatzes , eine schwere Erkrankung. Wie geht es dann weiter? Normalerweise leben wir unser Alltagsleben in einem operativen Modus, d.h. der Alltag folgt einem selbst- oder fremdbestimmung Plan, ein Vorhaben folgt dem andern. Wir formulieren Ziele und verfolgen ihre Verwirklichung. Dabei sind wir häufig ganz auf das Ziel ausgerichtet und sehr reduziert, was unsere aktuelle Wahrnehmung angeht. Wir gewöhnen uns daran und halten es für selbstverständlich. Dieses Verhalten könnte immer so weitergehen, aber: 

„Es geht immer um Leben und Tod , 

alle Formen vergehen schnell, 

kein Verweilen kennt der Augenblick. 

Seid wach!“

rezitieren wir am Abend in allen Zen-Zentren der Welt.

Was mache ich also, wenn mein Plan nicht aufgeht, wenn etwas unvorhergesehenes geschieht, wenn die Welt sich tatsächlich so zeigt, wie sie ist, unberechenbar,  jeder Augenblick neu, stetig im Wandel begriffen, wechselseitig bedingt. Nichts bleibt, wie es ist. Wer auf dem Zen-Weg geht,  weiß, da gibt es überhaupt keinen Weg und niemanden, der ihn geht,  da gibt es nur diesen Schritt und den nächsten Schritt und den nächsten.  Es ist  immer das zu tun, was gerade zu tun ist, falle ich hin, steh ich auf, scheitere ich, beginne ich neu, sterbe ich bin ich tot. Aber als das Leben bin ich in jedem Augenblick da. Bin ich präsent, kann ich das so erfahren. 

Vergangenen August wurde ich 70 Jahre alt. Ich habe mir gedacht, was kommt jetzt noch auf mich zu, wie lange werde ich in diesem Alter noch aktiv meine Rolle weiterführen können, als Zen-Meister mit vielen Kursen auf dem Benediktushof, als Projektleiter bei uns im Dörp, kurz vor der langersehnten Vollendung des Gästehauses und unseres Zentrums für Achtsamkeit und Meditation, als Vater und Großvater in einem Mehrgenerationenprojekt?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Wurde mir im September bei einem Gesundheitscheck der Titel „kerngesund“ attestiert, so änderte sich das wenige Tage später im Oktober. Im rechten Oberschenkel war ein Tumor entstanden, mit einer überaus seltenen Schnelligkeit und Aggressivität.

Am 9. Dezember wurde dieser operiert. Danach stellte sich heraus, dass er nicht vollständig entfernt werden konnte. Es folgte die Keiminfektion der neu eingesetzten künstlichen Arterie und eine Reihe von Operationen, diesen Infekt zu bekämpfen. So lange muss die Bestrahlung warten, die mir vielleicht noch etwas Lebenszeit schenken würde. Am kommenden Montag wird der Versuch gemacht, eine neue Arterie von einem Rind einzusetzen, in dem Versuch, mein rechtes Bein zu erhalten. Sollte das gelingen und die Wunde verheilen, kann mit der Bestrahlung begonnen werden. Die Prognosen sind sehr schlecht, aber ich möchte so gerne noch eine Weile bleiben. Ich weiß, dass ich nicht unersetzlich bin und vor allen Dingen weiß ich, dass mein individueller Tod nicht das Ende meines Lebens bedeutet, sondern dass ich in allem lebe was existiert und existieren wird. Dennoch fühle ich meine Aufgaben nicht abgeschlossen und so wünsche ich mir noch ein paar Jahre Lebenszeit, um auf den Benediktushof und im Dörp  einen etwas weniger disruptiven Übergang zu ermöglichen. Das ist der neue Plan, mal sehen, ob er gelingt. Entscheidend ist aber dieser Augenblick und dieser Atemzug gerade jetzt.

Manfred