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WAHRE WIRKLICHKEIT

Wahrlich, fehlt gerade irgendetwas? Das Nirvana ist hier, vor unseren Augen. Dieser Ort hier ist das Lotosland, dieser Körper hier der Buddha. Hakuin

Die WAHRE WIRKLICHKEIT ist die Wirklichkeit, die gerade jetzt ist.

Wie jetzt, das kann doch nicht? Du willst doch nicht behaupten, dass diese Welt mit all den Ungeheuerlichkeiten, die tagtäglich geschehen, das ersehnte Paradies ist? Du meinst doch wohl nicht ernsthaft, dass ich mich mit all meinem Unwohlsein, Leid und Unglück im Grunde bereits im Nirwana, im unendlichen Glück, aufhalte? Das Glück, das ich kenne, verweilt bei mir nur kurz. Kaum habe ich es, ist es auch schon weg und lässt mich leer zurück.

Wenn ich auf einem spirituellem Weg bin, mich in Kontemplation übe oder Zen, bin ich auf einem Weg, der mich hinführen soll zu dieser irgendwie anderen Wirklichkeit. Meine Alltagswirklichkeit zu verlassen, gerade darum habe ich mich auf den Weg gemacht. Das Leben, das ich geführt habe, das Wissen, das ich angesammelt und den Glauben, den ich möglicherweise gepflegt habe, all das möchte ich doch verändern, irgendwie überwinden. Ich habe gehört, da könne man etwas „erweitern“. Jedenfalls war ich mit der aktuellen Situation nicht mehr zufrieden, vielleicht überhaupt noch nie oder mein bisher festgefügtes Weltbild passte plötzlich nicht mehr, wurde erschüttert durch ein Ereignis, das mir den Boden unter den Füßen wegriss. Jetzt muss ich mich neu orientieren, brauche frischen Input für meine weitere Entwicklung. Schmerzhaft habe ich erfahren müssen, das nichts so bleibt, wie es ist, das nicht nur die Welt in stetiger Veränderung begriffen ist sondern auch meine ganz konkrete Welt um mich herum. Nichts bleibt so, wie ich es gerne hätte. Alles, was ich zu erreichen glaubte, zerrinnt mir wie Sand zwischen meinen Fingern. Schlimmer noch, gerade das Schöne, das Angenehme, das Liebgewonnene und Wertvolle ist nicht zu halten und scheint sich zu verflüchtigen während das Unangenehme, Schmerzhafte und Bedrängende bleiben will. Was soll das nur? Womit habe ich das verdient? Bin ich geboren, um dann zu leiden und zu sterben? Gut, es gibt Perioden mit einer gewissen Stabilität, vieles in meinem Alltag lässt sich verändern, ich selbst bin nicht nur gesellschaftlich aktiv sondern übe mich in der Optimierung meiner Persönlichkeit, schließlich kann ich nicht erwarten, dass die anderen sich immer nach mir richten, aber irgendwann kommt dann wieder ein Tiefschlag. Ich will mich nicht geschlagen geben und probiere ständig etwas Neues so. Ich will die Wirklichkeit so verändern, dass sie endlich passt, dass sie endlich so ist, wie ich es brauche. Ich will nicht immer enttäuscht werden.

Ein spiritueller Weg verspricht mir, endlich aufzuwachen, endlich anzukommen und das Leben so zu sehen, wie es ist. Da scheint ein Mehr drin zu stecken, ein Gewinn. Könnte es tatsächlich gelingen, eins zu werden und alle Getrenntheit zu überwinden? Ist es das, was mir fehlt? Es hört sich jedenfalls gut an und könnte endlich den stetigen Misserfolgen ein Ende bereiten. Nie mehr unglücklich sein und aufgehoben in unermesslicher Liebe.

So ist es nicht. Es geht in der Tat um die Erfahrung der WAHREN WIRKLICHKEIT. Und diese Erfahrung ist überwältigend und stellt alles bisherige auf den Kopf. Vielleicht aber auch andersrum, vom Kopf auf die Füße, indem sie all unsere Einbildung, all unser Festhalten und Klammern, all unsere Ängste wegwischt. Und die größte Angst ist ausgerechnet identisch mit demjenigen, den wir für den Mittelpunkt unseres Daseins halten, um den sich alles dreht, mit dem wir alles steuern. Unser Ich. Oh, nicht wieder das arme Ich „bashen“, höre ich die Kommentare der Fortgeschrittenen. Aber darum geht es gar nicht, das Ich ist als Instrument zur Orientierung und Alltagsbewältigung hilfreich, sinnvoll, sogar unabdingbar. Aber eben nur ein Instrument und nicht das Zentrum des Lebens und Erfahrens. Leben und Erfahren geht immer nur im Augenblick. Und im Augenblick gibt es kein Ich, da gibt es nur das unmittelbare gerade Jetzt, kein Ding, kein Begriff, kein Handelnder, keine Person, kein Subjekt, kein Objekt.

Die WAHRE WIRKLICHKEIT ist nicht das biblische Paradies, das ich erreichen könnte, kein Jenseits, das eines wie auch immer gearteten Schrittes oder Sprungs bedarf. Es bedarf auch nicht meines Todes. Ich kann mich anstrengen wie ich will, laufen bis zum Umfallen und werde doch niemals ankommen. Was für eine Enttäuschung! Oder?

Das war jetzt gemein, zugegeben. Also raus damit! Wie kannst du ein Ziel erreichen, an dem du schon bist, wie einen Gipfel besteigen, auf dem du schon stehst?

Das meinst du jetzt nichts ernst? Diese triste und düstere Wirklichkeit ist das gelobte Land?

Es ist paradox und lässt sich nur auf paradoxe Weise erklären. Etwas erreichen, was schon erreicht ist, etwas erfahren, was ich jeden Augenblick erfahre, gerade auch dann, wenn ich es nicht erfahre. Es gibt überhaupt kein Etwas, es gibt Nichts, von dem ich jemals getrennt sein könnte, weil ich von Anfang an immer schon eins bin. Es gibt auch keinen Anfang, es gibt auch kein Ich. Es ist immer schon das So-Sein, es ist immer schon eins, jedenfalls Nicht-Zwei, auch wenn ich mir einbilde, dass ich getrennt bin. In dem Augenblick, in dem ich realisiere, dass auch meine Vorstellung von Trennung eins ist, dass jede meiner Vorstellungen eins ist, hat sie sich aufgelöst.

Um nachzuvollziehen, was ich sage, ist die spirituelle Praxis, unser Za-Zen sinnvoll, vielleicht sogar notwendig. Die WAHRE WIRKLICHKEIT ist aber immer schon da und verlässt mich niemals. Sie ist genau das, was ich jetzt bin. Ich kann niemals aus ihr herausfallen. Wenn ich das erfahre, kann ich endlich aufhören, einer Ersatzbefriedigung nach der anderen hinterherzulaufen. Ich kann aufhören, Seifenblasen zu jagen. Ich kann endlich einfach leben. Das heißt nicht, dass nichts mehr zu tun wäre, im Gegenteil. Die Alltagswirklichkeit, die ich erfahre, ist immer eine konstruierte Wirklichkeit, sie ist immer gestaltet und ich bin für ihre Gestaltung mitverantwortlich. Nichts muss ich erlangen, es gibt nur diese Zeit und diesen Ort jetzt hier. Das ist, was ich grundsätzlich anzunehmen habe. Das ist vollkommen. Aus diesem Einssein heraus schaffe ich meine persönliche und soziale Wirklichkeit, in Mitgefühl.

Was ist die GANZE Wirklichkeit?

Was ist die GANZE Wirklichkeit? Immer und immer wieder die gleiche Frage.

Unsere Koan-Sammlungen sind voller Begegnungen zwischen Schülern und Meistern, wo diese Frage gestellt wird, in unterschiedlichen Gewändern. In alten Zeiten fragten die Zen-Schüler oft „Was ist Buddha?“ und meinten damit das gleiche. Nicht den historischen Buddha, sondern den Wesenskern seiner Erfahrung, nichts anderes also als unseren eigenen Wesenskern und eben die ganze Wirklichkeit. Und die Antworten überraschen alle diejenigen, die einen philosophischen Diskurs erwarten, einen konkreten Entwurf, ein bestimmtes Konzept, dem wir folgen und mit dem wir uns auseinandersetzen können. Die Geschichte der Philosophie kennt viele Interpretationen des Begriffs Wirklichkeit. Auf unserem spirituellen Weg hilft uns vielleicht die Deutung unseres christlichen Mystikers Meister Eckart: Wirklichkeit = Wirken im Jetzt.

Nichtsdestotrotz führt für unser Zen jeder Versuch einer Interpretation in die Irre. Die Erfahrung des Zen liegt eben jenseits von Konstruktion und Konzept. Davon zeugen zum Beispiel die Fälle 18 und 21 aus dem Mumonkan. Im Fall 18 antwortet Meister Tôzan (-990) auf diese Frage mit „Masagin!“ (Drei Pfund Flachs), im Fall 21 sein Dharmaüberträger Ummon (-950) mit „Kanshiketsu!“ (Ein vertrockneter Kotspatel). Letzterer hatte wohl damals in China die Funktion, die heute unser Toilettenpapier übernommen hat. Und Flachs war damals in China wie bei uns der Stoff, aus dem unsere Kleidung und Haustextilien gewebt wurden, Leinen.

Was hat diese Antwort mit der gestellten Frage zu tun? Und was würdest Du, mein Schüler von heute davon halten, wenn ich Deine wohlüberlegte Sinnfrage mit dem Ausruf „Klopapier!“ beantworten würde. Dennoch sind die Antworten der alten Meister kein willkürlicher Unsinn. Also, was heißt das nun, „Masagin!“, „Kanshiketsu!“? Um das zu verstehen, muss ich eins werden mit diesem Koan und alles über Bord werfen, was mir gedanklich dazu einfällt, alle Erklärungen und auch alle Gefühle des Abscheus und des Ekels. Was haben die Hinterlassenschaften unseres Stoffwechsels mit den großen Fragen des Lebens zu tun? Die meisterlichen Antworten sind sicherlich nicht nachlässig dahergesagt sondern offenbaren die überragenden Fähigkeiten der damaligen Lehrer, aus tiefstem Mitgefühl die Augen ihrer Schüler zu öffnen.

Im Zen gibt es kein Darüberreden. So wichtig in unserem zwischenmenschlichen Umgang der Autausch und eine funktionierende Kommunikation ist, haben sie in der Übung nichts zu suchen und sind eher hinderlich. Oder wir müssen sie in einer anderen Dimension jenseits von Worten und Begrifflichkeiten verstehen und praktizieren. Wir können sogar unsere Sprache benutzen, das tun die Koans ja auch, aber die Worte führen dann über ihre eigentliche Bedeutung hinaus in die Wirklichkeit des NICHT-ZWEI, die nichts anderes als unsere konkrete Alltagswirklichkeit ist.

Wie kann sie aber unsere konkrete Alltagswirklichkeit sein, wenn ich davon gar nichts merke? Die Formen sehe ich, viel zu viele davon, aber wie ist es mit der LEERE, mit dem URSPRUNG, mit dem Unbegreiflichem, zu dem mich mich meine Sehnsucht hinzieht? Der Unterschied scheint in einer veränderten Sichtweise zu liegen. Ich sehe einmal meine Wirklichkeit aus der Perspektive eines differenzierenden Denkens und ein andermal aus der Perspektive eines vereinheitlichenden Denkens. Dieser Gedanke führt in die richtige Richtung, ist aber noch ein Gedanke. Er erklärt, hat aber nichts zu tun mit der ERFAHRUNG als solche.

Es ist eben so, die GANZE Wirklichkeit zeigt sich mir immer konkret in jedem Augenblick. Es ist dies, dies, dies. Um sie zu sehen, muss ich die Schranke ohne Tor passieren. Nichts verändert sich dann, doch alles ist verändert und strahlt in einem neuen Licht, besser noch, es strahlt in einem Licht.

Keine Sorge, auch Du stehst in diesem Licht und badest in seinen Strahlen, mehr noch, Du bist derjenige, der strahlt.

Geschichten

Im Zen geht es nicht um Geschichten. Im Zen geht es immer nur um den Augenblick gerade jetzt. Das ist die ganze Wirklichkeit.

Das willst du nicht hören. Du liebst deine Geschichten. Ohne Geschichten verfällst du in Panik. Vielmehr, es ist dein Ich, was vor Angst zittert. Deinem Ich fällt immer etwas Neues ein, es ist schlau, es ist geschickt, es weiß sich zu verstecken und dir glauben zu machen, du wärest auf dem Weg, es zu überwinden. Dass Ich überwinden, so heißt es doch immer in den spirituellen Traditionen, das kleine, verblendete Ich, dass mich davon abhält, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist.

Gleich, ob ich auf einem spirituellen Weg bin oder ganz einfach nur mein Leben lebe, meine Geschichten geben mir den Rahmen, in dem ich mich bewege, sie helfen mir die Wirklichkeit zu deuten und zu verstehen. Sie helfen mir, mich zu verstehen. Jedenfalls tun sie so. Je nachdem, welche Geschichte ich mir gerade ausdenke, beeinflussen sie mein ganzes Leben, meine Stimmungslage, meine Gefühle, meine Motivation und das daraus folgende Denken. Empört könnte ich zurückweisen, ich denke mir keine Geschichten aus, ich lebe in einer Geschichte, meiner Geschichte, die mit meiner Geburt begann oder auch schon viel vorher, je nachdem ob Wiedergeburten in meine aktuelle Dramaturgie passen. Ich weiß doch schließlich, was mir widerfahren ist, jedenfalls mehr oder weniger und wenn ich es nicht weiß, gehe ich zu Fachleuten, die mir bei der Deutung helfen. Darum sind die Praxen der Psychologen und Therapeuten noch immer voll. Und die der zahllosen alternativen Deuter erst recht. Wir wollen schließlich wissen, was los ist. Mittlerweile gibt es eine ganze Industrie, die sich um unser Innenleben bemüht, die uns hilft, Träumen auf den Grund zu gehen, unsere Gefühle zu erfahren und zu verstehen, vergangenem Leben nachzuspüren, kurzum, die uns hilft, Geschichten zu kreieren.

Unsere Geschichten halten uns davon ab, der zu sein, der wir sind und unser Leben jetzt zu leben. Dabei gibt es unser Leben immer nur gerade jetzt und wir verpassen es, wenn wir in unseren Geschichten leben. In unseren Geschichten finden wir die Identität, von der wir glauben, ohne sie nicht auskommen zu können. Dort finden wir die Begründung, warum wir so sind, wie wir sind. Als ich Kind war, bin ich schlecht behandelt worden, darum bin ich jetzt so.

Als ich jung war, hab ich mir mein Leben ganz anders vorgestellt als es tatsächlich gekommen ist. Wenn es so gekommen wäre wie ich gewollt hätte, dann… In einem vorigen Leben habe ich dies oder jenes gemacht und darum muss ich jetzt mit den Folgen leben. Im Laufe meines Lebens habe ich zu wenig Liebe erfahren, daran leide ich jetzt. Mein Partner war schlecht zu mir, darum kann ich jetzt nicht anders. Usw. .Es geht gar nicht darum, schlimme Erfahrungen oder Erlebnisse kleinzureden und Verletzungen zu ignorieren, die jetzt noch wirken. Im Gegenteil, es ist wichtig sie wahrzunehmen, zu klären und auf diese Weise aufzulösen. Aber dann ist es auch gut und ich kann sie ruhen lassen. Ich brauche sie dann nicht mehr für den, der ich bin. Ich bin immer neu jetzt. Oder besser, es ist immer neu jetzt. Das ganze Leben und die ganze Wirklichkeit. Dazu gehört auch das Denken und die Gedanken. Sie entstehen und sie vergehen, wie alles andere auch. Sie haben aber auch die Tendenz, zu erstarren und Strukturen zu bilden, die sich selbstständig erhalten wollen. Das Ich ist eine solche Struktur und damit das Ergebnis von gedanklichen Prozessen und nicht ihre Ursache. Es ist sogar eine notwendige Struktur, um im Alltag miteinander zurecht zu kommen und diese Form, die ich bin zu präsentieren. Wenn ich aber das Leben, das ich bin und ich bin das ganze(!) Leben, darauf reduziere, dann bin ich dieses Gefängnis, dass ich konstruiere. Im Grunde genommen ist mein Ich eine vorübergehende Struktur. Das will ich aber nicht hören. Ich habe Angst vor der Auflösung. Das Ich hat Angst vor der Auflösung. Darum tut es alles, um seine Beständigkeit vorzugaukeln. Wenn ich es dann versuche, los zu werden, taucht es immer wieder neu auf in einer Vielzahl unterschiedlicher Verkleidungen, immer wieder neue Geschichten.

Gerade auch auf dem spirituellen Weg versucht es mich zu überzeugen, dass es nicht mehr da ist, das ich es bereits losgelassen habe. Witzig, wie kann ein Ich sich selbst loslassen? Ich baue mir dann eine neue Identität auf das sich loslassenden oder bereits losgelassenen Ich’s. Dazu lege ich mir eine ganze Bibliothek zu mit immer wieder neuen Büchern zu alten Konzepten, ein neues Outfit, einen neuen Habitus, einen neuen Freundeskreis. Dort fühle ich mich verstanden und aufgenommen. Wir unterstützen uns gegenseitig im Loslassen und tauschen vielerlei Tipps aus, was oder wer gerade „in” ist im Loslassen, wem wir folgen und zum Ziel unserer Projektionen machen können, welches Buch, welches Seminar, welches Event wir noch unbedingt machen müssen, um endgültig loszulassen.

Dabei ist es doch so einfach.

Es ist immer nur dieser Augenblick gerade jetzt. Nur dies ist das Leben. Wo bin ich gerade (?), dieser Atemzug, dieser Ort, diese Zeit.

Stille Nacht

Wenn ich sterbe und ein letztes Mal ausatme, wird es still. Aber um Stille zu erfahren, muss ich gar nicht sterben. Es ist das Ich, das sich loslassen muss, um die Illusion der Existenz von Leben und Tod zu erkennen, damit die große Stille sich in mir ausbreiten kann. Aber wie könnte ich etwas loslassen, das gar nicht existiert? Wenn ich diese Frage beantworten kann, dann ist schon losgelassen.
Die Herausbildung des Ich stellt einen Höhepunkt unserer Evolution dar und scheint ein notwendiger Schritt zu sein, um ganz Mensch zu werden. Die meisten Menschen haben diesen Schritt erst ansatzweise vollzogen. Sie identifizieren sich mit den in ihrer jeweiligen Kultur vorherrschenden Mustern, die sie unbewusst kopieren und verteidigen als vermeintlich persönliche Errungenschaften statt sich selbst auf den Weg zu machen und die eigene einmalige, unverwechselbare Persönlichkeit zu entdecken. Vor allem aber verwechseln Sie eine Konstruktion mit der Wirklichkeit.
Sich zu einem reifen Ich zu entwickeln bedeutet, weitestgehende persönliche Autonomie zu verwirklichen und sich gleichzeitig der eigenen Interdependenz, also seiner Verbundenheit in der Mitwelt und den daraus resultierenden Wechselwirkungsprozessen, bewusst zu sein. Ein reifes Ich erkennt seine Bedingtheit in einer unendlichen Abfolge von Handlungen und Ereignissen. Und es sind nicht nur die eigenen Handlungen. Alle unsere Vorfahren stehen hinter uns.
Nur ein Ich, das tatsächlich Konturen besitzt, kann auch überschreiten werden – hinein in einen größeren Zusammenhang. Ist da noch gar kein Ich, wirft mich mein Transzendieren regressiv zurück auf eine frühere Entwicklungsebene. Geboren werden, heißt voranschreiten und nicht zurückzukehren in den Mutterschoß. Ich bin immer verantwortlich für den, der ich bin. Ich bin für jede meiner Handlungen verantwortlich. Ich bin derjenige, der entscheidet, wohin meine Reise geht, in jedem Augenblick.
Ein transzendiertes Ich behält seine Struktur und Funktionen, ich kann auf all mein Erfahrenes und Gelerntes zurückgreifen, aber ich bin nicht mehr auf mich fixiert. Ich muss mich selbst, meine Persönlichkeit in all ihren Ausprägungen, Spielarten und Verrücktheiten, nicht mehr so ernst nehmen. Es sind Möglichkeiten, aber keine Dogmen, an denen ich verbissen festzuhalten hätte.
Viele unserer Konflikte in der Welt, ob sie untereinander oder in unserem Verhältnis zu Umwelt und Natur bestehen, resultieren daraus, dass wir uns als Menschen viel zu wichtig nehmen, unsere jeweiligen verblendeten Fixierungen für wahr halten und sie als Ergebnis einer vermeintlich freien, persönlichen Entwicklung ausgeben. Wahre Freiheit liegt darin, sich selbst zurückzunehmen.
„Stille heilt“, lautete der Leitsatz von Willi Massa, einem meiner ersten spirituellen Lehrer (8). Hineinzugehen in einen Raum der Stille kann mich wirklich heil machen, in jeder Beziehung. Wie gut tat es, sich mit tausenden anderen jungen Leuten in der Friedenskirche von Taizé zu versammeln und einfach zu schweigen, sich selber zurückzunehmen aus der Geschäftigkeit des Alltags, aus der eitlen Selbstdarstellung, um einfach zu werden, sich zu besinnen, zurückzukehren zu den Wurzeln und sich zu erneuern. Im Zen erfahre ich, dass ich schon immer heil bin.
In meiner Zeit als Wanderführer waren der Besuch der romanischen Kirchlein in der Weite der spanischen Pyrenäen, die Wanderung zur Kirche San Antimo in der Toscana oder ein Verweilen im ehemaligen Zisterzienserkloster von Sernanque in der Provence die Höhepunkte unserer Touren – abgesehen von der Erfahrung der Stille in Landschaft und Natur. Insbesondere die Schlichtheit und Klarheit eines romanischen Kirchenraums können die Bedingungen schaffen, Stille rein sinnlich zu erfahren und zu genießen.
Viele Menschen heute flüchten die Stille. Sie können gar nicht mehr ohne einen stetigen Geräuschpegel, ohne ständig laufenden Fernseher zuhause oder die Musik unterwegs über unsere Smartphones. Sie werden von Angst ergriffen, sobald das Unterhaltungs- und Ablenkungsprogramm versagt. Ich kenne Kinder, die in Panik ausbrechen, wenn nachts in ihrem Zimmer der Fernseher nicht läuft.
Wer sich weiterentwickeln will, muss erst einmal lernen, sich sich selbst zu stellen, hinzuschauen, was ist und sich annehmen, um dann loszulassen und weiterzugehen. Die Erfahrung eines geschützten Raumes in Stille, in einer Kirche, einem Kloster oder beim Sitzen im Za-Zen im Zendo, kann dabei helfen, die eigentliche, die innere Stille zu entdecken und zu verwirklichen. Diese wahre Stille ist immer da und hat mich nie verlassen.
Wenn ich die GROSSE STILLE erfahre, dann spüre ich mein Einssein mit der QUELLE, dem URSPRUNG, der LEERE, der LIEBE, mit GOTT. Und dann gibt es aber auch diese missverständlichen Begriffe nicht mehr. Wenn ich im Auge des Zyklons verweilen kann, dann trage ich seine Stille auch in jeden Augenblick meines Alltags, mag dort der Sturm noch so sehr toben.

„Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, oh wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund“,

heißt es in unserem berühmten Weihnachtslied.
Weihnachten kann eine Zeit der STILLE sein.
Und aus ihr wird die LIEBE geboren.
Wenn Du still wirst, kannst Du es verstehen!

Weihnachten

Ich teile hier mal einen Beitrag von meiner Dharma-Schwester Doris Zölls

Impuls zum Thema „Von wegen heile Welt:
Warum Weihnachten feiern trotzdem so wichtig ist“
Von Doris Zölls
 
„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir,
du bleibst noch ewiglich verloren“
(Angelus Silesius)
 
 
Höre ich die Nachrichten, bin ich jedes Mal zutiefst erschüttert, ja fassungslos, welche Grausamkeit unter den Menschen herrscht. Gier und Hass, Neid und Überheblichkeit und nicht zu vergessen, eine unglaubliche Dumpfheit zieht sich durch unser Menschsein.
 
Und nun steht Weihnachten vor der Tür, das Fest der Liebe. Es scheint wie ein Hohn, an ein paar Tagen eine schöne, heile Welt vorzugaukeln und man könnte sich fragen: Sollte man nicht ehrlichkeitshalber das Fest weglassen? Oder das Fest lieber dazu nutzen, um auf all die Ungerechtigkeiten dieser Welt hinzuweisen, was dem Festcharakter und der feierlichen Stimmung nicht zuträglich wäre.
 
Ich glaube, Weihnachten zu feiern, ist wichtiger denn je. Im Alltag sind wir so in unseren Aufgaben verstrickt. Wir werden von unserem nörgelnden Geist, der mit nichts zufrieden ist, vereinnahmt. Wie befreiend wäre es, uns wenigstens an den Feiertagen aus diesem „normalen“ Leben mit seinen Streitigkeiten und Grausamkeiten herauszunehmen. In den wenigen Tagen hätten wir die Möglichkeit, uns zu besinnen, worum es im Leben wirklich geht, welche Chance wir als Mensch haben und welche Verantwortung. Weihnachten steht als Fest dafür, uns klar zu machen, dass wir Menschen zu Liebe fähig sind und sie auch verwirklichen können.
 
Wir brauchen keine „Raubtiere“ zu sein. Wir haben eine ganz andere Natur. Wir haben die Natur eines Kindes, das sich absichtslos, frei und offen dem Leben in jedem Augenblick vertrauensvoll hingibt. Diese Natur lässt uns lächeln, stimmt uns milde und freundlich. Schauen Sie nur in einen Kinderwagen und denken an nichts, gleich verändert sich Ihre Stimmung, die verbissenen Lippen werden weich, die Härte verschwindet aus dem Gesicht.
 
 
Der große Zen-Meister Dogen Zenji schrieb, wenn wir Zazen praktizieren, praktiziert es der ganze Kosmos. Entfalten wir den friedfertigen Geist, entfaltet er sich auf der ganzen Welt.
Diese Aussage macht Ernst mit der Erkenntnis, dass wir alle miteinander verbunden sind, wir sitzen alle in einem Boot. Wie ein Netz sich bewegt, wenn ich nur an einem Knoten ziehe, so bewegt mein Denken das ganze Gedankennetz der Welt.
Mein Denken und Handeln wirkt sich auf das Denken aller aus. Doch wir haben verlernt auf unser Denken bewusst Einfluss zu nehmen. Gier, Angst und Hass fressen es auf und dann wundern wir uns, dass die Welt davon durchtränkt ist. Unsere Gedanken zu beherrschen, ihnen nicht einfach freien Lauf zu lassen und sie auch noch zu Worten und dann Taten werden zu lassen, ist unsere Verantwortung, die wir für diese Welt haben.
 
Weihnachten ist eine Gelegenheit, zu üben, diese destruktiven Gedanken zurückzustellen.
Wir werden die Wirkung in uns und auch bei anderen schnell merken. Daher möchte ich Mut machen, Weihnachten und auch die anderen Tage zu nutzen, darauf zu achten, dass sich herabsetzende und verurteilende Gedanken nicht unseres Denkens bemächtigen.
Stattdessen möge die Offenheit, die Absichtslosigkeit, das Vertrauen und die Freundlichkeit unseres inneren Kindes in uns Raum einnehmen! Die Anlage dazu haben wir, wir brauchen sie nur zu nutzen. Oder wie Rilke einst schrieb: „Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest. Und lass dir jeden Tag geschehen so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen sich viele Blüten schenken lässt.!

Zazenkai in Nürnberg

Zazenkai mit Manfred Rosen 

Samstag, 09.12.2017 von 09.00 bis 16.00 Uhr
An diesem Samstag gibt es in unserem Zendo die Gelegenheit Manfred Rosen kennen zu lernen. Er ist Zenmeister unserer Zenlinie „Leere Wolke“ und wird uns mit seiner natürlichen Präsenz und Herzlichkeit durch den Zazenkai führen. 
Das gemeinsame Sitzen (Zazen), ein Vortrag (Teisho) und die Möglichkeit zum Einzelgespräch (Dokusan) strukturieren den Tag.

Das Mittagessen werden wir gemeinsam im Zendo in Stille einnehmen, im Anschluss besteht das Angebot zum geführten Kinhin im Freien.

Kursgebühr 35.- Euro.

Alle Veranstaltungen finden statt im

Zendo Nürnberg, Adam-Kraft-Straße 1, 90419 Nürnberg
Wir bitten um rechtzeitige Anmeldung per Mail an

info@zen-nuernberg.com
 

Missbrauch

Was ist Zen?

Wenn es das ist, was gerade ist und so wie es ist, dann ist es eben das ganze Leben gerade jetzt.

Dazu gehört dann nicht nur das, was unseren Wünschen, Träumen und Idealen entspricht darüber, wie die Wirklichkeit zu sein hat, sondern alle Erscheinungsformen unseres Lebens. Also das ganze Leben in seiner unendlichen Vielfalt, wie es gerade geschieht mit allen Schönheiten und Grausamkeiten.

Dazu gehört also auch all das, was Menschen anderen Menschen antun und anderen Lebewesen und dem Leben überhaupt auf dieser wunderbaren Erde.

Da Leben aber nichts Beständiges ist sondern in ständiger Entwicklung und Veränderung, stehen wir Menschen als diejenigen Wesen, die zur Reflektion fähig sind in der Verantwortung, uns zu entwickeln und zu verändern, um die Welt jeden Tag ein Stückchen besser zu machen.

Besser machen heißt hier nicht, die Wirklichkeit nach unseren individuellen Vorstellungen von Bessersein zu verändern sondern jeweils ganz genau hinzuschauen, was konkret zu tun ist, um das Leben insgesamt zu bewahren und zu fördern.

Dazu gehört zweifellos der Respekt und die Achtung vor und das Mitgefühl zu jedem einzelnen Lebewesen.
Jeden Tag sind wir vielfach Zeuge davon, dass dieser Respekt und dieses Mitgefühl fehlt. Besonders schmerzhaft ist es dann, wenn Täter unser besonderes Vertrauen hatten, weil sie uns persönlich nahe stehen oder Institutionen angehören, denen wir vertrauen und die für sich den Anspruch verbreiten, in Nächstenliebe und mit Mitgefühl zu handeln.
Seit Jahren stehen Verantwortungsträger der katholischen Kirche immer wieder im Fokus, ihnen anvertraute Kinder sexuell missbraucht zu haben.

In Augsburg wurde gerade ein Zen-Priester wegen Missbrauchs von anvertrauten Kindern zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.

Darüberhinaus stehen immer wieder buddhistische Lehrer, auch Zen-Lehrer in der Kritik, intime Beziehungen mit erwachsenen Schülern und Schülerinnen einzugehen, unter anderen der sehr bekannte tibetische Lehrer Sogyal Rinpoche.

Es gibt den Missbrauch von Menschen durch Menschen, nicht nur im sexuellen, aber eben gerade in diesem für jeden Menschen besonders intimen und schutzbedürftigen Bereich.

Diesen Missbrauch darf es nicht geben und es gibt ihn doch. Ständig und vielerorts geschieht es und es gibt keine Rechtfertigung dafür außer vielleicht die, dass wir als Menschen eben so sind, wie wir sind.

Nicht nur achtsam, mitfühlend und liebevoll sondern schwach, unzulänglich, voller Fehler und den eigenen Leidenschaften unterworfen. Aber mit dem Potenzial, uns zu verändern und anderen Menschen und dem Leben als solches weniger Leid zuzufügen.
Dass nun gerade Menschen, die für sich einen hohen Anspruch formulieren und sich mit christlicher Nächstenliebe, buddhistischem Ethos oder einer Lebenshaltung aus der Zen-Erfahrung identifizieren, was immer sie sich darunter vorstellen, die also von Achtsamkeit und Mitgefühl predigen, auch missbrauchen und damit ihren Opfern unermessliches Leid zufügen, ist kaum auszuhalten.

Aber es kommt dennoch immer wieder vor. Es ist immer wieder eine große Enttäuschung für uns. Gerade von solchen Menschen erwarten wir es nicht, weil wir sie als Vorbilder sehen in der Bewältigung unserer eigenen Leidenschaften.
Es ist wichtig, vor diesen Taten die Augen nicht zu verschließen, sondern sich damit offen auseinanderzusetzen.

Insoweit ist auch die Veröffentlichung solcher Informationen wichtig. Das die Medien dabei wenig differenziert berichten und zu Verallgemeinerungen greifen, ist so.

Was den Fall in Augsburg angeht, da ist von einem Zen-Priester, einem Zen-Mönch, gar einem Zen-Meister die Rede, von einem Menschen, der sehr engagiert war in einer bestimmten Gruppierung, die sich als buddhistisch versteht und soweit ich weiß offensichtlich auch eine gewisse Legitimation von einer japanischen Rinzai-Zen Linie hat.
Buddhismus und Zen sind Begriffe, unter denen sich eine Vielzahl unterschiedlicher Strömungen versammeln, die sich zwar alle auf Buddha Shakyamuni berufen, aber völlig unterschiedliche Interpretation seiner Erfahrung und seines Weges vertreten.

Zen und Buddhismus sind nicht das gleiche, Zen geht über das, was der Buddhismus lehrt und lebt, weit hinaus, nicht, weil Zen ein erweitertes Konzept von was auch immer ist sondern weil Zen das Leben als solches und als ganzes gerade jetzt verkörpert.

Die Details aus Augsburg sind mir nicht bekannt, aber ich bezweifle sehr, dass der geständige Täter Dorin G. tatsächlich ein authentischer Zen-Meister ist.

Dafür gibt es einfach zu viele selbsternannte Meister. Aber auch das ist nicht der Punkt. In der Vergangenheit haben auch Menschen, die tatsächlich über eine traditionelle Übertragung als Zen-Meister verfügten, missbraucht, wenn auch nicht unbedingt im juristischen Sinne. Denn ich halte auch intime Beziehungen zu erwachsenen Schülern und Schülerinnen für eine Form des Missbrauchs.

Es wird immer wieder diskutiert, inwieweit intime, also sexuelle Beziehungen zwischen Meistern, Lehrern und Schülern beziehungsweise Schülerinnen legitim sind. Es gibt sogenannte buddhistische Wege in Europa, deren Gründer und Gurus sich rühmen, mit Hunderten ihrer Schülerinnen bereits geschlafen zu haben.

Abgesehen davon, dass ich immer wieder darüber überrascht bin, wieviele Anhänger dieser Schulen dieses Spiel mitspielen, ich halte derartige intime Beziehungen in keinem Fall für legitim.

Selbst wenn, wie in unserer Linie „Leere Wolke“, der Zen-Linie von Willigis Jäger, Meister und Lehrer ihren Schülern auf Augenhöhe begegnen wollen, sind wir doch einer Vielzahl von Projektionen ausgeliefert und es bleibt häufig ein gewisses Macht- und Einflussgefälle zwischen Lehrern und Schülern.

Niemand hat das Recht, das auszunutzen. Es liegt in der Verantwortung des Lehrers, damit überaus sorgfältig umzugehen und Schüler nicht auszunutzen, egal in welcher Beziehung.

Wenn sich Schüler oder Schülerinnen in ihren Lehrer oder Meister verlieben oder umgekehrt, dann ist das natürlich möglich aber jede Form von Schülerschaft muss zunächst beendet werden, bevor aus dieser Verliebtheit eine intime Beziehung entsteht.

Auch wenn die Liebe der grundlose Grund ist, aus der alles entsteht und die nichts ausschließt. Zu ihr gehört dann eben auch die Fähigkeit zur Verantwortung. Ich habe eine Wahl zu treffen, ich kann mich entscheiden. Nicht alles, was möglich ist, vor allem nicht alles, was ich wünsche und begehre, muss ich auch verwirklichen. Auch wenn es dieses Ich als Subjekt im Grunde genommen gar nicht gibt.

Es gibt aber die Tat und jede Tat hat Folgen.

Was können wir tun?

Was können wir tun?In einem der einflussreichsten Machtzentren unserer Welt sitzt ein Verrückter. Was können wir tun angesichts dieser Bedrohung für den Frieden und das Zusammenleben auf unserer Welt? Und angesichts der Tatsache, dass er über einen demokratischen Prozess in dieses Amt gekommen ist und Millionen von Anhängern ihm scheinbar willenlos folgen und ihn beständig in seinem Narzissmus bestätigen. Dieser Prozess erinnert an ein Déjà vue unserer jüngeren Geschichte, haben wir sowas nicht schon einmal gehabt mit überaus schrecklichen Folgen für unser Menschsein und das Leben überhaupt? Für viele ist diese Erfahrung besonders schmerzhaft, die geglaubt haben, in unsere Menschheitsentwicklung diese Phase bereits überwunden zu haben und in ein Zeitalter der Zusammenarbeit und Überwindung von Grenzen eingetreten zu sein. 

Das Ganze wird noch bedrückender durch die Tatsache, dass auch in Europa immer mehr Verrückte an Einfluss gewinnen und in verschiedenen Ländern sogar bereits die Regierungsverantwortung übernommen haben. Statt Kooperation und Mitgefühl für die Schwachen geht es um Ausgrenzung und Nationalismus, gepaart mit der Kultivierung eines übersteigertem Individualismus. Noch mehr Egozentrik als bisher zur Lösung unserer Probleme. 

Wo kommen die Verrückten plötzlich alle her? Verrückt heißt, nicht bei Sinnen zu sein, geistesgestört zu sein. Aus der Perspektive spiritueller, erwachter Traditionen sind wir das mehr oder weniger alle. Über unsere Sinne können wir die Wirklichkeit recht unverfälscht wahrnehmen, wir konstruieren dann aber kontinuierlich verzerrende Konzepte und fragmentarische Geschichten, die wir schließlich mit der Wirklichkeit als solche verwechseln. Insoweit sind wir alle ver-rückt, wir nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie ist sondern nur noch so, wie wir sie uns konstruiert haben. Diesen einen Prozess, der das Leben ist und in dem alles zusammengehört und miteinander wirkt, haben wir verdinglicht und aufgespalten in eine Vielzahl von scheinbaren Gegensätzen. 

Durch unsere Übungspraxis versuchen wir unsere Wahrnehmung und das sich daraus entwickelnde Verständnis für die Welt gerade- zu-rücken, um das zu erfahren, was ist und wie es ist, statt uns in illusorischen Konzepten zu verrennen. Wer in der Übung steht, erfährt diese nicht-duale Sicht auf die Welt, mehr noch, er erfährt sich als diese Wirklichkeit in all ihren Erscheinungen. Aus dieser einen und einenden Erfahrung erwächst Mitgefühl und Liebe, auch für diejenigen, die Ausgrenzung und Hass schüren. 

Was können wir also tun aus unserer Erfahrung heraus und angesichts der derzeitigen Umstände? Ein Verhalten, dass nun seinerseits Ausgrenzung provoziert, ist keine Lösung. Unsere Lösung bleibt Achtsamkeit, Präsenz und Mitgefühl allem gegenüber in jedem Augenblick. Das fällt immer wieder schwer, aber deshalb üben wir ja, halten inne, schauen, atmen ein, atmen aus, kommen zur Besinnung und lassen zu, dass Lösungen ihre Zeit brauchen und unser Herz, um sich adäquat zu entwickeln. Das mag naiv klingen, scheint aber die einzige Alternative zu sein, weil sie aus der Wirklichkeit kommt, so wie sie ist. 

Brücken immer wieder neu bauen, Grenzen immer wieder neu überwinden, die eigene Hand immer wieder neu reichen. Immer wieder das gerade rücken, was ver-rückt ist. Sich nicht verstecken, sich nicht zurückhalten, sich zu dem bekennen und zu dem stehen, was in eigener Übungspraxis erlebt und erfahren wird. Jetzt und immer wieder. 

Kein Ziel, nur dies!

Es scheint so zu sein, dass es im Buddhismus um ein Ziel geht, das zu erreichen ist: „Aufwachen“, „Erwachen“ oder vielfach zu lesen und zu hören „Erleuchtung“. 
Dem historischen Buddha Shakyamuni war eben dieses Aufwachen nach einer langen und entbehrungsreichen Suche widerfahren. Aus dieser Erfahrung heraus versammelte er viele Schüler um sich und versuchte, diesen auf vielfältige Art und Weise seine Erfahrung nicht nur nahezubringen sondern sie vor allem dazu zu befähigen, eine identische Erfahrung zu machen. Im Laufe der Geschichte entstanden, abhängig von jeweiligen historischen Kontexten, unterschiedlichen kulturellen, sozialen, gar politischen Einflüssen, aber auch von den didaktischen Fähigkeiten einzelner Erwachter, eine Vielzahl unterschiedlicher Pfade mit einem Ziel.  
Diese bilden auch heute noch dieses weite Feld praktischer Übungen, philosophischer Spekulationen und religiöser Abhandlungen und Rituale, welches wir im Westen als Buddhismus eher weniger als mehr kennen. Je nach Ausrichtung und Lehre einer buddhistischen Schule wird das Erreichen des Ziels entweder wenigen Auserwählten, vielen eifrig Übenden oder gleich allen Lebewesen verheißen. 
Unabhängig von einer besonderen spirituellen Erfahrung führt die Befolgung des achtfachen Pfads, der weiteren daraus abgeleiteten Gebote und ethischer Normen zu einer harmonischen, ausgeglichenen und friedlichen Lebensführung, die wir, verstärkt durch unsere Projektionen, bei Buddhisten so schätzen. 
Zusammengefasst, es gibt ein Ziel, das zu erreichen und zu verwirklichen ist. Dieses Ziel liegt in einer Zukunft, dorthin zu kommen bedarf einer Anstrengung. Einmal erreicht, ist alles gut. 
Ganz anders das Verständnis des Zen. Zen ist nicht Buddhismus, auch wenn es als eine kleine Schule innerhalb des Buddhismus gilt und sich in seiner Tradition über das Erwachen Shakyamuni Buddhas und bei Buddha beginnend mit der persönlichen Übergabe dieser Erfahrung (von Herz zu Herz) von Meister zu Meister legitimiert. Vielfach sind Zen und Buddhismus in der historischen Überlieferung auch derart verschränkt, das häufig von Zen-Buddhismus die Rede ist und in der Präsentation und der Praxis vor lauter buddhistischer Inhalte und Rituale das Wesen des Zen nicht oder nur schwer zu erkennen ist. 
Das Zen hat nämlich einen ganz anderen Ansatz. Es geht sehr wohl um Erfahrung, aber um die Erfahrung als solches in diesem Augenblick, um die Erfahrung dessen, was ist und wie es ist, also ohne Vorstellungen, Konzepte und Illusionen. 
Es geht dabei nicht um einen Schulungsweg, der über das Studium von Schriften und ihrer Rezitation, der Ausübung von Ritualen, dem Befolgen von Geboten und dem Durchlaufen hierarchischer Strukturen irgendwann ein spirituelles Erfolgserlebnis verspricht. 
Es geht vielmehr um eine jederzeit mögliche, unmittelbare Erfahrung dessen, was von Anbeginn und unendlich ist, die ungeteilte und unteilbare, grundlose Einheit, das „nicht-zweiende“ des Augenblicks, alles und jedes einschließend, umschließend und kreierend. Eine Einheit, die sich in jedem Phänomen als dieses Phänomen ausdrückt. Darum im Zen auch als Leere bezeichnet. 
Es gibt im Zen also nichts zu erreichen, weil schon alles erreicht ist. Erwachen ist unser natürlicher Zustand. Ich kann also gar nicht aufwachen, ich kann nur realisieren, dass ich bereits erwacht bin. Darum geht es in der Übung. 
Wir sitzen also nicht, um zu, auch wenn es in der Art der Formulierung so scheint, als gebe es etwas in der Zukunft zu realisieren. Es gibt keine Zukunft, in der eine wie auch immer geartete Belohnung für meine Mühen warten würde. Das klingt paradox und unverständlich und offenbart sich eben erst in der Übung. 
Es geht immer nur um die Präsenz im Augenblick, gleich ob sinnlich erspürt, gefühlsmäßig erlebt oder gedanklich abstrahiert. Mein Nicht-Verstehen ist es auch schon und war es schon immer. 
Solange ich meine notwendige Ich-Struktur und ihre Fähigkeit, diese Welt zu erkennen und über Vorstellungen und Konzepte zu gestalten, verabsolutiere und damit trenne von der mich konstituierenden, ursprünglichen und offensichtlichen alles umfassenden Wirklichkeit als solche, fällt mir die Einsicht schwer. Im einfachen und vollkommenen Sitzen, unserem Za-Zen,  aber tritt diese Ich-Struktur zurück und es bleibt nur sitzen und atmen in absoluter Stille. Da ist dann wirklich kein Ich mehr, das irgendwo herausfallen könnte. 
Das gilt auch, obwohl es vielen Zen-Schülern so scheint, es gebe doch über Koan-Schulung und hartes Training in Sesshins eine Art von Erwachen, das man sich erarbeiten könnte. Es geht aber im Grunde nur um ein Ringen um Täuschungen, auf die wir so gerne immer wieder hereinfallen. Die Täuschung, einmal durchschaut, löst sich auf, genau in das Nichts, das sie schon immer war. 
Zen ist also total radikal, lehnt jede Spekulation und jeden besonderen Ausdruck ab, aber auch jede Institution, jede Tradition, jede Moral. Dennoch gibt es Zen-Traditionen, Zen-Tempel und Zen-Mönche. Sie können wunderbare Offenbarungen der Leere sein, sind aber nicht wichtiger oder wesentlicher als dieser Stein dort oder jener Baum, unserer Luft zum Atmen und unser Niesen, wenn etwas in der Nase kitzelt. 
Zen wurzelt im Gewöhnlichen und Alltäglichen. Vor allem aber in dem Einem, Einzigen und Einenden. Ein anderes Wort dafür ist Liebe. Daraus entsteht Mitgefühl. Was könnte noch darüber hinaus gehen?   

Lauschen – Schauen – Spüren

Eigentlich wissen wir sehr viel von dem, worum es in unserem Leben geht, wobei „wissen“ vielleicht das falsche Wort ist, wir spüren es. 
Dementsprechend ist Sprache ein eher ungeeignetes Mittel, zu verdeutlichen, worum es geht. Zumindest, solange sie mit Begriffen operiert, vor allem mit Substantiven.
Es geht nämlich im Lebendigen nicht um Zustände sondern um Prozesse, also scheinen Verben geeigneter. Oder Bilder, mit denen ich Inhalte teilen kann ohne sie näher zu beschreiben. Bilder verstehen wir eher, weil sie uns an etwas erinnern können, was wir schon kennen ohne es benennen zu können. Wenn wir sie einfach nur anschauen ohne sie auseinanderzunehmen und zu analysieren. Ähnlich verhält es sich mit Gedichten, die in ihrer Ganzheit wahrgenommen einen ganz anderen Zauber entfalten als bei der kritischen Analyse ihrer Teile. Letzteres kann ich natürlich machen, die Faszination eines Bildes oder eines Gedichts geht dabei aber verloren. 
Und um Faszination geht es. Sich von der Wirklichkeit, so wie sie ist, faszinieren lassen, geht sehr viel weiter und tiefer als sich in der bloßen Realität nur zu orientieren. Auf einer gewissen, eben der oberflächlichen Ebene, müssen wir funktionieren. Das ist die Realität. Aber wenn wir leben wollen, können wir das nur in der Wirklichkeit. Wirklichkeit ist weit mehr als Realität. In ihr steckt die ganze Fülle des Lebens und damit auch das ganze Potenzial, alles das, was in diesem Augenblick wirkt und sich verwirklicht und auch alles das, was sich in diesem Augenblick verwirklichen könnte in einen Akt der Schöpfung.
Diese Art Schöpfung braucht keinen Schöpfer, sie braucht nur die Achtsamkeit des Augenblicks. Wo ich mich für die Tiefe eines Augenblicks öffne, wo ich mich im Nichts verwirkliche, „aufwachen“ nennen wir das im Zen, ist nur schöpfen. Da gibt es dann kein Ich mehr, da gibt es nur diesen einen Augenblick und in ihm die ganze Welt. 
Auf einem spirituellen Weg wie dem Zen, wenn er denn authentisch ist, geht es um nichts anderes als zu leben. Als der zu sein, der ich bin, als der zu sein, in dem sich die Wirklichkeit in einer einmaligen und vollkommenen Form ausdrückt. Dieser Ausdruck findet immer in der Gegenwart statt, in diesem Augenblick gerade jetzt. Wir sind immer in der Gegenwart, auch wenn wir in der Erinnerungen oder Projektionen schwelgen. Nur, wir spüren es in der Regel nicht, wenn wir es nicht konkret üben. 
Auch wenn wir glauben, zu leben, ist es doch eher so, dass wir unser Leben allerhöchstens im Griff haben. Häufig nicht einmal das, wenn wir uns leer, einsam und verzweifelt fühlen. Leben ist eben nicht das, was wir im Griff haben können. Begreifen können wir nur die Vorstellungen, die wir uns von dem Leben machen, eben die Begriffe mit denen wir Prozesse einzufangen versuchen. Leben ist aber etwas ganz anderes als das, was ich begreifen kann. Leben kann ich nur erleben, gerade jetzt.
Solange, wie ich nur begreife, entsteht die uns bekannte Welt, in der eine Vielzahl von Phänomenen scheinbar nebeneinander stehen und ich ihnen gegenüber. Das ist ein durchaus erfolgreiches Modell zu überleben, es hat uns die Zivilisation und die Technologie gebracht und stellt uns als Krone der Schöpfung scheinbar über alle und alles.
Mit unserem eigentlichen Leben hat das aber nichts zu tun. Es ist mehr eine Form von Ablenkung und wenn wir genau hinschauen, lenken wir uns den ganzen Tag davon ab, zu leben. Leben findet immer nur im Augenblick statt und um das zu erfahren, muss ich aufhören, diesen Augenblick zu fliehen. 

Wenn wir Zazen üben, tun wir genau das. Wir üben Präsenz, es geht nur um diesen einen Atemzug und zu diesem kehre ich immer wieder zurück, sobald ich merke, dass ich mich davon gemacht habe.
Zazen bedeutet, zu lauschen, zu schauen und zu spüren. Das ist durchaus ganz sinnlich gemeint, denn über unsere Sinne erleben wir die Wirklichkeit. Wir erleben vor allem auch den Unterschied zwischen „erleben“ und „begreifen“. Unser Leben geht weit über das „begreifen“ hinaus. Vieles von dem, was ich erlebe, kann ich nicht beschreiben und ich kann es dennoch mit anderen teilen, die auf dem gleichen Weg sind. 
Ich will diese Übung mit einem Bild verdeutlichen: Auf der Oberfläche des Meeres gibt es eine Vielzahl von Wellen. Sie entstehen und vergehen und jede von ihnen ist einmalig. Nun hat sich im Laufe der Evolution in jeder Welle die Fähigkeit entwickelt, ein Bewusstsein seiner selbst zu kreieren. Die Welle kann sich sozusagen von innen heraus anschauen und fragen: „Wer bin denn ich?“ Und irgendwann entwickelt sich als Antwort das Wort „Welle“. Mehr noch, wenn diese eine Welle nach außen schaut, dann sieht sie sich von einer Vielzahl anderer Wellen umgeben. Jede dieser Wellen steht für ein Phänomen der uns scheinbar umgebenden Welt. 
Übertragen wir dieses Bild wieder auf unsere Realität, ist ein jeder von uns eine solche Welle. Ein erkennendes Subjekt, das einer Vielzahl von Objekten gegenüber steht. Mit diesen Objekten sind wir bereits in Beziehung oder versuchen, in Beziehung zu kommen und bestimmen dabei Nähe oder Distanz. Wir versuchen zu kommunizieren oder zu kooperieren oder uns von ihnen abzugrenzen.
Wenn wir uns beispielsweise verlieben, geht es um die Kommunion, wenn wir uns abgrenzen, weil wir uns bedroht fühlen, entsteht aus dieser Verengung Angst und unsere Reaktion kann bis zur Zerstörung dieses fremden Objekts gehen. Jeder, der schon einmal verliebt war, weiß, dass sich dieses Gefühl nicht über eine Beschreibung einfangen lässt. Wer noch nicht verliebt war, muss es eben erst erfahren, um zu verstehen, worum es geht. 
Diese starke Kraft des Verliebtseins erinnert uns an etwas, das zutiefst in uns ist, von dem wir uns aber oft weit entfernt haben, das intuitive Wissen darüber, dass ich eins bin. Das, was ich also im Verliebtsein in einem anderen werden will, bin ich schon vom Ursprung an. Einssein und Leben und Liebe sind nichts als Synonyme.
Da mir das als Mensch in meiner Entwicklung aber häufig nicht bewusst ist, habe ich eine Vielzahl von Strategien entwickelt, um diese erahnte und ersehnte Einheit zu erfahren. Zu diesen Strategien zählen Macht und Gier, um die Welt und die Wirklichkeit meiner Kontrolle zu unterwerfen und sie zu beherrschen. All dies als Versuch, aus der Wirklichkeit zu flüchten und sie in ihrem Wirken aufzuhalten, um Einheit als Status zu erfahren. Aber, alles ist vergänglich, nichts lässt sich festhalten. Je mehr ich anhäufe, umso mehr zerrinnt es mir zwischen den Fingern. 
Alles ist Prozess ohne jede Substanz. Es gibt keine Materie, also kann ich sie mir auch nicht aneignen. Ich kann mich allerdings mit meinen Strategien bewusst gegen die lebendigen Prozesse stellen. Aufhalten kann ich sie damit nicht, ich kann aber sehr viel Leid über alles bringen, was lebt. Wir Menschen können auf diesem Planeten der uns bekannten Lebenswelt ein Ende setzen und einen (vorübergehend) lebensfeindlichen staubigen Klumpen im Universum zurücklassen. Wir können aber auch unser Leben leben und feiern und mit ihm das Leben überhaupt. 
Zurück zu unserem Bild mit den Wellen und zu unserem Weg. Wenn ich Zazen übe, also einfach nur sitze, lausche, schaue und spüre, erlebe ich das, was ist. Sind eine Vielzahl Geräusche um mich herum, lasse ich sie einfach kommen und gehen ohne sie zu benennen und festhalten zu wollen. Beim Schauen fokussiere ich nicht meinen Blick sondern lasse ihn weich werden und in der Weite des Raumes verweilen ohne etwas fixieren zu wollen. Das ist zu Beginn schwierig, gelingt aber bei fortschreitender Übung. Ich lausche und schaue einfach auf das, was ist. Nicht nur auf das, was scheinbar außen um mich herum ist sondern vor allen Dingen auf mein inneres Geschehen, das bestimmt wird von einer Vielzahl von Gedanken. Gedanken, die nichts anderes sind als Versuche, Wirklichkeit zu zergliedern, zu benennen und zu begreifen. 
Wenn ich mich dabei auch als den Körper spüre, der ich bin, von meinen Füßen bis hinauf zum Kopf und wenn ich mich in diesem Spüren immer wieder lasse, das heißt, aus der Anspannung herausfinde, dann werde ich feststellen, dass sich auch die Gedankenaktivität beruhigt. Auf diese Weise tauche ich in die Tiefe, ich verlasse die Welt mit meinen Identifikationen und Zuschreibungen. 
Im Rhythmus meines Atems lasse ich mich hinabsinken, ich schwebe und dabei lausche ich und schaue und stelle plötzlich fest, dass es unter der Oberfläche meines Daseins eine gewaltige Leere gibt wie das Wasser des Meeres unter einer aufgewühlten Oberfläche. Diese kann zunächst als still erfahren werden und aus dieser Stille tauchen immer wieder subtile Signale auf, die mit meinen Gedanken gar nichts zu tun haben, die mich aber sehr komplex und intuitiv erfahren lassen, worum es eigentlich geht. Besonders jeder, der kreativ tätig ist, kennt diese schöpferischen Signale, die einen immer wieder ausfüllen und zur Tat schreiten lassen. 
Angekommen in dieser Leere erfahre ich, dass sie die ganze Fülle ist, die ganze Fülle in einer unendlichen Stille, in der sich dennoch alles zeitlos manifestiert. Aber es ist ein Prozess und ich bin dieser eine schöpferische Prozess und das ist schon alles.